Interview mit wikifolio.com CEO Andreas Kern

Andreas Kern ist Gründer und CEO von wikifolio, der nach eigenen Angaben größten Social-Trading-Plattform Europas. Er ist 47, kommt aus Österreich und ist seit…

wikifolio Interview mit CEO und Gründer Andreas Kern

Andreas Kern ist Gründer und CEO von wikifolio, der nach eigenen Angaben größten Social-Trading-Plattform Europas. Er ist 47, kommt aus Österreich und ist seit fast zwanzig Jahren im Finanzbereich unterwegs, vorher unter anderem im mobilen Zahlungsverkehr. Im Interview erzählt er, wie aus einem schlechten Bankprodukt die Idee zu wikifolio wurde, wie die Plattform funktioniert und wie er selbst investiert. Wie immer ist alles seine persönliche Sicht und keine Anlageberatung. Eine ausführliche Einordnung der Plattform findest du in meinem wikifolio-Erfahrungsbericht.

Wie aus einem schlechten Bankprodukt eine Idee wurde

Den Anstoß gab ausgerechnet seine eigene Bank. 2008, im Jahr der Lehman-Pleite, ließ sich Andreas Kern beraten und bekam ein Produkt vorgelegt, das in Aktien investierte. Als er nachrechnete, stellte er fest, dass dieses Produkt über die letzten fünfzig Jahre praktisch keine Rendite abgeworfen hätte. Das hat ihn so verärgert, dass er anfing, grundsätzlich über Geldanlage nachzudenken. Wie sollten Finanzprodukte eigentlich funktionieren und wie sollten sie vertrieben werden?

Zwei Dinge wurden für ihn zum Schlüssel. Produkte müssen radikal transparent und einfach strukturiert sein. Und der Vertrieb läuft in der klassischen Welt über Berater, die in Wahrheit oft Vertriebsmitarbeiter auf Provision sind. Belohnt werde dadurch nicht das beste Produkt, sondern das mit der höchsten Provision. Genau dagegen wollte er einen Gegenpol bauen. Eine Plattform, auf der Strategien lückenlos offengelegt werden und Ranglisten dafür sorgen, dass die Besten nach oben kommen, nicht die Teuersten.

Was wikifolio eigentlich ist

Falls du wikifolio noch nicht kennst, hier die Mechanik in Ruhe. Erfahrene Anleger, private wie professionelle, machen ihre Anlagestrategie öffentlich. Jeder Nutzer sieht in Echtzeit, welche Aktien rein- und welche rauskommen und mit welchem Kommentar. Sobald genug Nutzer eine Strategie per Voting unterstützen, wird daraus ein börsengelistetes Finanzprodukt, ein wikifolio-Zertifikat, notiert an der Börse Stuttgart. Dieses Zertifikat lässt sich dann bei praktisch jeder Bank in Deutschland, Österreich und der Schweiz ins eigene Depot legen.

Der Wert eines wikifolios ergibt sich schlicht aus den Kursen der enthaltenen Aktien, ohne komplexe Optionskonstruktionen. Gestartet ist das Ganze 2012. Inzwischen sind über 8000 wikifolios an der Börse gelistet, mehr als 240.000 Nutzer sind registriert und über die Plattform wurde ein Volumen von über 30 Milliarden Euro abgewickelt. Im Segment der Anlageprodukte sieht sich wikifolio bei der Produktvielfalt klar vorne.

Wie Andreas Kern selbst investiert

Auf die Frage der Community, wie der Chef einer Trading-Plattform privat anlegt, bleibt er nüchtern. Für die eigene Geldanlage hat er zu wenig Zeit, also setzt er auf eine Mischung. Den Kern bilden breit gestreute ETFs, dazu hält er neun oder zehn eigene Zertifikate, manche schon seit fünf, sechs Jahren. Beim Traden greift er gern bei Einbrüchen zu, typischerweise nach dem zweiten Rückschlag einer großen Krise. Bei Volkswagen rund um den Dieselskandal hat das für ihn gut funktioniert.

Hypes betrachtet er selektiv. Bei Wasserstoff etwa sieht er zwar viele erfolgreiche wikifolios, kennt sich im Segment aber zu wenig aus und hält sich heraus. Sein eigener Schwerpunkt liegt bei kleineren und mittleren Werten. Sein Argument: Weil ETFs nach Marktkapitalisierung gewichten, bekommen die ganz großen Konzerne ein enormes Gewicht. Eine einzelne Apple sei zeitweise mehr wert gewesen als alle DAX-Konzerne zusammen. Wer gezielt kleinere Unternehmen auswählt, hat aus seiner Sicht eine bessere Chance, den breiten Markt zu schlagen, auch wenn das mehr Wissen verlangt.

Der harte Start: 40 Anwälte und 15 Mittagessen

Die Gründung war zäh, viele hielten die Idee für nicht umsetzbar. Anders als ein Teil der späteren Krypto-Szene wollte Kern Regulierung nicht umgehen, sondern das Produkt von Anfang an sauber reguliert bauen, mit Börsenlisting und renommierten Banken für die sensiblen Abläufe. Das rechtlich hinzubekommen war teuer und als Jungunternehmer hatte er kein Millionenbudget für Anwälte.

Also hat er sich durchgehangelt. Nach eigener Aussage hat er mit über 40 Anwälten gesprochen, sich zu Erstgesprächen beim Mittagessen einladen lassen, ein bisschen erzählt, beim nächsten wieder ein Stück mehr. Rund fünfzehn Mittagessen später war das rechtliche Konzept Stück für Stück gelöst. Parallel baute er als ausgebildeter Techniker mit Freelancern Prototypen. Mit dieser Kombination aus Rechtskonzept und Technik bekam er Forschungsförderung, später stieg die Verlagsgruppe Handelsblatt als Gesellschafter ein, was wiederum weitere Partner überzeugte.

Aktiv gegen passiv in der Corona-Krise

Spannend fand ich seine Sicht auf aktiv gegen passiv, gerade weil er selbst ETFs bespart. In der Corona-Krise hätten sich viele wikifolios besser geschlagen als der breite Markt und das aus zwei Gründen. Zum einen die richtigen Themen, zum anderen die Cash-Quote. Ein ETF ist meist voll investiert und nimmt den ganzen Einbruch mit. Ein Fondsmanager kann nicht von heute auf morgen zur Hälfte in Cash gehen, ohne gegen seine Regularien zu verstoßen. Ein wikifolio-Trader dagegen kann binnen Stunden entscheiden und Cash aufbauen.

Viele Trader hätten bei den ersten Anzeichen Bargeld geparkt und dann gezielt Unternehmen nachgekauft, deren Nachfrage gerade nicht einbrach, Netflix, Microsoft, Cisco, dazu Videokonferenz-Anbieter wie Zoom oder TeamViewer. Sein Fazit ist trotzdem ausgewogen. Aktiv kann sich lohnen, verlangt aber deutlich mehr Wissen. Wer es einfach will, fährt langfristig passiv besser. Beides lässt sich kombinieren, ein ETF als Basis und ein wikifolio als bewusste Beimischung.

Zertifikate, Emittentenrisiko und Transparenz

Zwei klassische Kritikpunkte an Zertifikaten spricht Kern von selbst an. Der erste ist das Emittentenrisiko. Ein Zertifikat wird von einem Emittenten herausgegeben, bei wikifolio ist das Lang & Schwarz. Würde der zahlungsunfähig, wäre das Geld theoretisch in Gefahr. Deshalb gibt es eine Besicherung. Die im Hintergrund gekauften Aktien liegen auf einem separaten Konto und im Ernstfall springt ein Treuhänder ein, verkauft die Aktien und bedient die Ansprüche der Kunden.

Der zweite Kritikpunkt ist die fehlende Transparenz vieler Zertifikate. Genau die setzt wikifolio aus seiner Sicht außer Kraft, weil das gesamte Portfolio in Echtzeit offenliegt und sich der Produktpreis bis auf viele Nachkommastellen nachrechnen lässt. Ein Detail, das mir gefällt: Bei einem Trader siehst du zuerst sein schlechtestes wikifolio, bevor das beste auftaucht. Das ist gelebte Transparenz.

Was passiert, wenn ein Trader verschwindet

Eine gute Community-Frage war, was eigentlich passiert, wenn der Trader hinter einem wikifolio abtaucht. Kern erklärt, dass auf der Seite der letzte Login sichtbar ist. Meldet sich ein Trader länger nicht und ist nicht erreichbar, übernimmt wikifolio das wikifolio, verkauft die Positionen und leitet die Rückabwicklung ein. Der Kunde bekommt sein Geld automatisch gutgeschrieben, ohne nachfragen zu müssen. In der Praxis seien die großen Trader sehr aktiv und kümmerten sich meist am selben Tag.

Zusätzlich bewertet die Plattform das Risiko jedes wikifolios laufend über einen Risikofaktor. Steigt das Risiko über eine selbst gesetzte Schwelle, bekommst du eine Mail und kannst entscheiden, ob du dabeibleibst.

Wie wikifolio Geld verdient

Beim Thema Gebühren bleibt Kern konkret. Es gibt eine Zertifikatgebühr von 0,5 Prozent pro Jahr und eine Performancegebühr nach dem High-Watermark-Prinzip. Heißt, ein Anteil wird nur einbehalten, wenn ein neuer Höchststand erreicht wird. Dieser Anteil teilt sich zwischen dem Trader und der Plattform auf, üblicherweise grob hälftig. Macht ein Trader 30 Prozent Gewinn, werden etwa drei Prozent einbehalten, rund 1,5 für den Trader, rund 1,5 für wikifolio. Alle drei Beteiligten wollen damit dasselbe, neue Höchststände.

Ein Punkt ist ihm wichtig: Es gibt keine expliziten Ordergebühren, egal ob jemand aktiv tradet oder ein Portfolio langsam anpasst. An der Transaktion selbst verdient wikifolio nichts. Den Unterschied macht er am amerikanischen Robin Hood fest, der kostenloses Trading anbietet und trotzdem zig Millionen im Monat verdient, weil im Hintergrund mit dem Orderfluss Geld verdient wird. Beim deutschen Trade Republic sei das Modell über die Rückvergütung von Lang & Schwarz dagegen klar kommuniziert. wikifolio verdiene nur an der Performance und genau das sei der Grund, warum die Zertifikate ihre Benchmark im Schnitt so gut schlagen.

Für wen sich wikifolio eignet

Die Hauptzielgruppe sind für Kern Selbstentscheider, die sich ein bisschen mit den Märkten auskennen, vielleicht schon ETFs aussuchen und eine smarte Beimischung suchen. Menschen, die über Chancen nachdenken und sich eine Meinung bilden wollen. Im Schnitt kaufen die Anleger zwei wikifolios und legen dabei etwa 10.000 Euro an. Um auch eine breitere Gruppe zu erreichen, hat wikifolio ein eigenes Produkt gestartet, das die beliebtesten Aktien der Top-Trader bündelt und nur gelegentlich angepasst wird.

Seine Vision formuliert er mit einem Bild. So wie heute jeder, der sich für Musik interessiert, an Spotify denkt, soll künftig jeder private Anleger zumindest einmal bei wikifolio vorbeischauen, um die Trendthemen zu sehen oder sich inspirieren zu lassen. Eine internationale Ausweitung hält er für möglich, wartet damit aber bewusst, bis sich die weltweite Regulierung digitaler Assets klärt, weil grenzüberschreitende Finanzprodukte heute noch teuer und mühsam sind. Verkaufen will er wikifolio nicht, er hat nach eigener Aussage keine großen materiellen Bedürfnisse und will diesen Weg weitergehen.

Wer tiefer einsteigen will, findet meine Einordnung im wikifolio-Erfahrungsbericht und hier geht es zur Plattform *. Wie ein erfolgreicher Trader nach festem Regelwerk vorgeht, erzählt Maximilian König im Interview. Mehr Gespräche dieser Art findest du in den Investoren-Interviews.

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