Heiße Aktien Vorstellungen mit Modern Value Investing

Wir begrüßen Philipp und Marcel von Modern Value Investing zum heutigen Podcast. Es geht um die großen Unterschiede zwischen den Investitionen in Deutschland…

Modern Value Investing

Zwei Leute, die sich nicht über Tinder, sondern über einen Aktienstammtisch in Leipzig kennengelernt haben, betreiben heute eine der wenigen deutschen Plattformen für richtig tiefe, fundamentale Aktienanalysen. Genau die habe ich für diese Folge ins Gespräch geholt. Philipp und Marcel von Modern Value Investing sitzen mir gegenüber, draußen tobt die Corona-Krise und wir reden über das, worüber in Deutschland am Esstisch fast nie geredet wird. Über Aktien, über Strategie, über Fehler, die Geld gekostet haben und am Ende auch über die Unternehmen, die die beiden gerade spannend finden.

Vorweg, weil das im ganzen Text gilt. Das hier ist ein Gespräch, kein Kaufzettel. Wir tauschen Meinungen aus, wir ordnen ein, niemand sagt dir, was du tun sollst. Was Philipp und Marcel an Werten nennen, sind ihre Überlegungen, nicht meine Empfehlung an dich.

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Wie kommt zwei jungen Männern überhaupt die Börse in den Kopf?

Philipp durfte einen Teil seiner Kindheit in Kanada und in den USA verbringen, wo die Aktie ein völlig gängiges Thema war. Als er 2009 nach Deutschland zurückkam, war er nach eigener Aussage schockiert, wie wenig Aktienkultur in seiner Generation vorhanden war. Anfangs las er sich über Finanzmagazine ein, richtig investiert hat er erst ab 2013.

Bei Marcel war es ausgerechnet die Schule. Eine Lehrerin habe ihn auf das Thema gebracht und das ging dann nicht mehr aus dem Kopf raus. Während der Studienzeit traute er sich an die ersten Käufe, auch bei ihm fällt das Jahr 2013. Zwei sehr verschiedene Wege, ein ähnlicher Startpunkt.

Mich fasziniert Philipps Schilderung seines kanadischen Schulfachs, das hieß tatsächlich „Stocks and Economics”. Da hätten Fünfzehnjährige fast ungläubig reagiert, wenn jemand keine Aktien besaß. „Will er später arm werden oder was?” Stell dir das mal an einer deutschen Schule vor. Genau diese Lücke treibt die beiden an und sie haben recht. Börse oder zumindest Finanzen als Unterrichtsfach gehört in Deutschland auf den Stundenplan.

Wie wird aus einem Stammtisch eine ganze Plattform?

Die Kennenlern-Geschichte ist zu gut, um sie wegzulassen. Beide waren in einer großen Aktien-Community unterwegs, Marcel startete einen Aufruf für einen Aktionärsstammtisch im Raum Leipzig und am entscheidenden Abend saßen die beiden nebeneinander. Der Glücksfall war, dass sie die einzigen waren, die am Ende tatsächlich in Einzelaktien investiert waren. Drumherum saßen ETF-Sparer, Fonds-Leute und Versicherungsvertreter.

Den Anstoß für die Zusammenarbeit gab die Tesla-Analyse. Philipp fragte Marcel, ob er nicht eine kleine Rubrik Chart-Technik übernehmen wolle, weil der sich damit auskennt. Marcel hatte damals eine Unterstützung als Einstiegsmarke genannt und wer darauf gehört hätte, hätte bis vor kurzem eine saftige Rendite einfahren können, so erzählt es Philipp. Das ist Rückblick, kein Versprechen und genau so verstehe ich es auch.

Aus der einen Rubrik wurde mehr. Eine Website kam dazu, zwei Analysten schreiben mit, Luigi und Peter. Peter schreibe teils 15.000 bis 16.000 Wörter pro Analyse, so tiefgreifend, dass Philipp kaum etwas Vergleichbares kennt. Dazu ein Börsen-ABC und regelmäßige Updates zu den besprochenen Unternehmen, die überraschend gut ankämen, damit hätten sie nicht gerechnet.

Spannend finde ich, was sie über Geld und Unabhängigkeit sagen. Modern Value Investing ist frei von Investoren und finanziert sich über Werbung, die manchmal nervig sei, wie sie offen zugeben. Mit zwei deutschen Aktienunternehmen hätten sie über ein Sponsoring gesprochen, sich aber zurückgezogen, weil die Firmen sie in eine Abhängigkeit drängen wollten, in der sie nicht mehr hätten schreiben können, was sie über ein Unternehmen denken. Diese Haltung verstehe ich gut, denn genau deshalb läuft auch meine Seite ohne solche Deals.

Warum machen die beiden das alles kostenlos?

Hier wird es grundsätzlich. Beide glauben nicht an die gesetzliche Rente. Philipp ist fest angestellt und muss einzahlen, Marcel ist selbstständig und sieht das für sich entspannter. Die Ambition dahinter ist simpel und groß zugleich. Junge Leute sollen anfangen, je früher desto besser. Philipp rechnet vor, wer für ein Kind über Jahrzehnte kleine Beträge anlegt und durchhält, der schicke das Kind am Ende fast als Multimillionär ins Leben.

Was mir gefällt, ist der Tonfall. Niemand wird gezwungen. Philipp sagt, er rede viel im Freundeskreis darüber, aber dränge keinen. Die meisten hörten gespannt zu, weil sie merken, dass der Kapitalmarkt eben kein Casino ist, sobald du mit solider Basis und solider Strategie herangehst. Eine Botschaft, die ich genauso unterschreibe. Mit einem Sparplan auf einen Welt-ETF kann jeder anfangen und 25 Euro im Monat seien für die meisten machbar.

In Marcels Umfeld sind wenige investiert, abgesehen von ein paar Leuten im Immobiliengeschäft. Wenn er neue Leute trifft, kommt erst die Casino-Skepsis, dann oft die Neugier. Wie macht ihr das, was muss ich beachten? Genau diese wachsende Nachfrage ist der Antrieb. Und die nächste Stufe haben sie auch schon im Blick, nämlich eine eigene Firma zu gründen, das große Ziel für die Zeit nach Corona.

Wie sehen die Depots der beiden aus?

Jetzt wird es konkret und es wird offen. Philipp sagt, er habe viel Lehrgeld bezahlt. Anfangs habe er bei der Postbank eine Intel gekauft, alle drei Sekunden auf den Kurs geschaut, hin und her getradet. Struktur kam erst vor zwei, drei Jahren rein, als er über ein Forum durch Zufall einen Mentor kennenlernte.

Sein Stil heute ist klar umrissen. Keine zyklischen Unternehmen, also kein Automobil. Er achtet stark auf die operative Marge und darauf, dass sie nicht zu sehr schwankt. Egal wann, egal wo, die Produkte der Firmen sollen gekauft werden. Rund 14 Werte hat er im Depot und fühlt sich pudelwohl damit. Den Crash habe er nicht für viele neue Positionen genutzt, sondern um Bestehendes nachzukaufen. Er zitiert Warren Buffett sinngemäß. Würdest du eine Aktie jederzeit wieder kaufen, kannst du sie behalten. Würdest du sie nicht mehr kaufen, ergibt es keinen Sinn, sie zu halten.

Dividenden? Sieht Philipp eher kritisch. In jungen Jahren sollte für ihn nicht die hohe Dividende im Vordergrund stehen, Hauptsache, du machst überhaupt etwas. In Gold ist er nicht investiert, Rohstoffe und P2P sind raus, das sei ihm suspekt. Wert schaffen für ihn Unternehmen und die Immobilie, die er selbst bewohnt.

Marcel ist der aggressivere Investor von beiden, das stellen sie selbst fest. Er hat vermietete Immobilien, einen kleinen P2P-Anteil, den er ausbauen will und aktuell 28 Positionen im Depot. BMW etwa hat er aussortiert, weil er sich fragt, ob es in Zukunft mehr Autos geben wird. Eine Branche im Wandel. Lieber Unternehmen, die in 15 bis 20 Jahren noch unverzichtbar sind, deren Geschäftsmodell er versteht und auch mag. Eine Microsoft, eine Apple, weil er als Selbstständiger täglich sieht, wie diese Geräte über den Ladentisch gehen.

Bei Marcel zählt eher Wachstum als Dividende. Statt eine Aktie 25 Jahre nur für die Ausschüttung zu halten, während der Kurs nichts tut, geht er mehr Risiko und schichtet später vielleicht in Dividendenwerte um. Lieber eine Visa mit einem Prozent Dividende, die jährlich zweistellig wächst, als eine AT&T, die kaum vom Fleck kommt. Philipp habe ihn fundamentaler gemacht, Marcel habe Philipp die Chart-Technik nähergebracht. Genau diese Ergänzung macht das Duo aus und sie planen ein gemeinsames Depot über die geplante Firma, über das sie offen berichten wollen.

Buy and hold oder doch Trading und wo hört die Moral auf?

Ich wollte wissen, ob die beiden klassische Buy-and-hold-Leute sind oder auch traden. Philipp hat keine Trading-Positionen, er fasst es als Buy and Hold and check zusammen. Den Crash habe er gut überstanden, weil er schlicht nicht ständig ins Depot geguckt habe. Trotzdem prüft er jedes Jahr die operative Marge und liest Geschäftsberichte.

Sein Lieblingsbeispiel ist Fresenius. Viele kennen den Konzern über die Helios-Kliniken, aber das große Geld verdiene er mit dem Bereich Kabi, also mit Ersatznahrung, Pharma und Dialyse. Genau deshalb gehe er in den Analysen die einzelnen Segmente durch, weil sich so der Trend eines Konzerns erkennen lässt. Bei Henkel etwa schrecke ihn die zyklische Klebstoff-Sparte ab, bei Johnson und Johnson gefällt ihm die Balance der drei Standbeine.

Beim Thema Ethik wird es persönlich und uneinheitlich und das finde ich gerade gut. Philipp hat keine Tabakaktien mehr im Depot, früher hat er bei British American Tobacco lange gehadert. Marcel sagt offen, bei Zigaretten höre es für ihn noch nicht auf, eine Autoaktie habe er auch. Bei Rüstung würden beide eher vorsichtig werden. Ihr Konsens am Ende ist entwaffnend einfach. Du musst so investiert sein, dass du nachts schlafen kannst. Würdest du etwas heute nicht mehr kaufen, warum solltest du es dann besitzen wollen?

Was hat die Corona-Krise mit den Depots gemacht?

Die Folge wurde am 27. März aufgenommen, mitten im Sturm. Philipp sagt, er habe zwischenzeitlich knapp 22 Prozent verloren, sei aber schon wieder im Plus. Er habe die Korrektur zum Nachkaufen genutzt, unter anderem bei Bayer aufgestockt und eine Microsoft sowie eine Southern Company neu gekauft, dazu erwähnt er Intercontinental Exchange und Unilever. Marcel hat den prozentualen Verlust gar nicht erst ausgerechnet, weil er ohnehin nicht verkaufen will. Eine Microsoft hat auch er sich endlich ins Depot geholt, was ihn sichtlich freut und wartet als Chart-Mensch auf einen erreichten Boden, um weiter aufzustocken.

Ihre Strategien für die nächsten Wochen unterscheiden sich. Philipp investiert ohnehin jeden Monat, schaut auf seine Watchlist und kauft dort, wo ein Wert unter seinem historischen Median liegt, solange sich das Geschäftsmodell nicht großartig ändert. Die große Chance einer solchen Phase sei, dass auch deutlich überbewertete Titel mal mit runterkommen. Marcel dagegen wartet bewusst auf den Peak der Krise, also den Moment, an dem das Herunterfahren der Wirtschaft mehr schadet als das Virus selbst und kauft erst dann nach, weil an der Börse die Zukunft gehandelt wird. 2020 sei ohnehin eingepreist.

Der Klopapier-Indikator

Wir konnten es uns nicht verkneifen. Marcel scherzt, der Boden sei erreicht, wenn abends wieder Klopapier in den Regalen liegt. Ich musste tatsächlich über einen Camping-Laden online bestellen, weil vier Supermärkte in meiner Umgebung leer waren. Ein bisschen Schuld trügen die sozialen Medien, in denen leere Regale gepostet werden, eine kleine selbsterfüllende Prophezeiung.

Welche Unternehmen finden die beiden gerade spannend?

Jetzt der Teil, auf den viele warten und noch einmal mit Nachdruck. Das ist keine Anlageberatung, nur die Watchlists zweier Gesprächspartner. Philipp würde, wenn er gerade Geld zum Kaufen hätte, über ein Investment in Fresenius nachdenken, dazu nennt er eine Danone und die Intercontinental Exchange. Letztere beschreibt er als weltweit größten Börsenbetreiber, der an jedem Aktienhandel mitverdient, egal ob die Kurse steigen oder fallen.

Marcel nennt seine Microsoft und ebenfalls die Intercontinental Exchange, die er als möglichen Profiteur des höheren Handels sieht. Oben auf seiner Wunschliste stehe inzwischen Thermo Fisher, dazu Parker Hannifin und Johnson und Johnson. Das sind ihre Überlegungen zu einem bestimmten Zeitpunkt, kein Fahrplan für dein Depot. Würdest du dich mit einem dieser Namen näher beschäftigen, dann lies dich selbst ein und entscheide selbst.

Was war das größte Learning, was der größte Fehler?

Philipps schmerzhaftestes Learning heißt Bayer. Bei 120 Euro eingestiegen, weil er die Monsanto-Übernahme für strategisch sinnvoll hielt, steht er aktuell rund 50 Prozent im Minus. Er hält trotzdem daran fest und hat nachgekauft, weil er überzeugt ist. Fundamental kannst du urteilen, wie du willst, am Ende entscheidet der Markt. Sein Glücksgriff war Beyond Meat zum Börsengang, das Produkt hatte er vorab im Ausland probiert und war begeistert. Marcel schrieb ihm beim Chart, er solle raus, da war Philipp schon rund 300 Prozent im Plus, verkaufte und holte sich davon seine Wunschaktie Air Liquide.

Marcels Fehlgriffe sind ebenso lehrreich. Optionsscheine hätten ihm Geld verbrannt, das hat er zu den Akten gelegt. Sein größter Aktien-Fehlgriff war Nordex, am Brexit-Tag als Trading-Position in der Hoffnung auf schnelle Gewinne gekauft und es kam das Gegenteil. Bei sieben Euro hat er verkauft. Aufgefangen hat alles die Amazon-Aktie, bei 788 Euro eingesammelt und seitdem stur gehalten. Das war der Punkt, an dem er für sich auf Wachstum umschwenkte.

Welche Bücher und Tools nutzen die beiden?

Bei den Büchern bleibt Philipp bescheiden, er habe nur zwei richtig gelesen, Kostolany und Peter Lynch und ist großer Lynch-Fan. Den Graham liege seit einem Jahr auf dem Nachttisch, durch den er sich kapitelweise kämpfe, weil er schwer zu lesen sei. Marcel begann ebenfalls mit Kostolany, dessen Lebensgeschichte ihn fasziniert und nennt zusätzlich Rainer Zitelmann, um volkswirtschaftliche Zusammenhänge einzuordnen.

Bei den Werkzeugen sagt Philipp etwas, das mir gefällt. Mit offenen Augen durch die Welt gehen. Spannende Unternehmen entdecke er im Alltag und über Finanzmagazine, danach gehe es rein in die operative Marge und die Geschäftsberichte. Frei nach Peter Lynch fliegen Werte mit über 50 Prozent Gewinnschwankung, also Zykliker, bei ihm direkt raus. Marcel nutzt eine eigene Strong-Buy-Liste und ein Tool wie TraderFox für fundamentale und chart-technische Informationen. Stimmt der Chart, kauft er auch.

Was bleibt von diesem Gespräch? Zwei junge Investoren, die sich offen ergänzen, ihre Fehler nicht verstecken und eine klare Haltung haben, ohne dir vorzuschreiben, was du tun sollst. Genau das ist der Ton, den ich an der Sache mag. Du musst die Entscheidungen am Ende selbst treffen und du trägst auch das Risiko. Wie immer machen die beiden zum Schluss den Deckel drauf, mit ihrem Satz, dass es irgendwo immer einen Bullenmarkt gibt. Bleibt zu hoffen, dass wir ihn finden.

Wo finde ich Philipp und Marcel?

Philipp und Marcel betreiben ihre Website und eine Facebook-Seite, dazu einen Podcast und einen Instagram-Kanal.

Mehr Gespräche dieser Art findest du in den Investoren-Interviews.

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