Seit 2011 an der Börse - Interview mit Lisa von Aktiengram
Lisa Osada ist seit 2011 an der Börse. Im Interview erzählt sie von Mitarbeiteraktien, 1,2 selbst geschürften Bitcoins und einem Bestattungsunternehmen im Depot.
Inhaltsverzeichnis7 Kapitel

Manche Menschen kommen über ein Buch zur Börse, manch andere über einen Tipp vom Onkel. Lisa Osada fand ihren Weg ans Parkett über eine Hauptversammlung. Sie ist 28, arbeitet als Fachinformatikerin für Systemintegration und ist seit 2011 dabei, also seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr. Heute führt sie ihr erstes Podcast-Interview. Was sie zu erzählen hat, reicht von Mitarbeiteraktien über selbst geschürfte Bitcoins bis hin zu einem Bestattungsunternehmen in Texas.
Wie kommt sie so früh an die Börse?
Lisas Weg an die Börse verlief eher ungewollt als geplant. So machte sie damals ihre Ausbildung in einem börsennotierten Unternehmen. Hier war es üblich, dass die Azubis bei der Hauptversammlung mithelfen durften.
Hierdurch bekam sie umfangreiche Einblicke in den Ablauf einer solchen Hauptversammlung. Eingangskontrolle, IT im Hintergrund und vieles mehr. Für eine junge Frau, die noch nicht wusste, was eine Aktie eigentlich ist, war das ein beeindruckendes Erlebnis. Der zweite Kontakt zur Börse waren dann die Mitarbeiteraktien, die ihr Arbeitgeber anbot.
So dauerte es nicht lange, bis Lisa ihr erstes Depot eröffnete. Den Rest brachte sie sich selbst bei. Sie las Wikipedia-Artikel, Börsenmagazine und alles, was damals zum Thema Investieren verfügbar war. Schon früh legte sie etwas Geld zur Seite. Während ihrer Ausbildung kam das erste eigene Einkommen hinzu und mit der Zeit entstand ein Kapitalstock, mit dem sie einfach loslegte.
Der Einstieg erfolgte eher spontan, sagt sie. Geblieben ist sie, weil sie die Vielfalt und die Mechaniken der Börse faszinierte. Hinter jeder Aktie stand ein Unternehmen und hinter jedem Unternehmen eine Branche mit eigenen Herausforderungen und Geschichten. Gerade die Möglichkeit, ständig neue Unternehmen und Märkte kennenzulernen, sorgte dafür, dass sie dem Thema treu blieb.
Was mich daran am meisten berührt, ist eine andere Sache. Lisa hat über Jahre praktisch mit niemandem darüber geredet. Die Börse war ihr stilles Hobby, ein Ding für sich allein, bis sie Anfang des Jahres ihren Instagram-Account startete. Im privaten Umfeld war Börse schlicht kein Thema, Freunde interessierte das nicht. Kennst du dieses Gefühl, etwas zu tun, das dir wichtig ist und es trotzdem für dich zu behalten, weil keiner so recht versteht warum? Genau da setzte irgendwann der Wunsch an, sich mit anderen auszutauschen, die ähnlich ticken.
Warum ausgerechnet jetzt ein Aktien-Account?
Der Schritt zum Instagram-Account @Aktiengram kam, wie so vieles bei ihr, ohne großen Plan dahinter. Lisa folgte mit ihrem privaten Profil schon länger Finanz-Accounts. Über zwei Jahre hinweg und in den letzten Monaten davor wurde es immer mehr. Irgendwann konsumierte sie fast nur noch Finanzinhalte und dann kam ihr irgendwann der Gedanke, der vermutlich vielen kreativen Personen bekannt vorkommt: „Das könnte ich auch”.
Mit Aktiengram ging es ihr nicht nur ums Investieren. Sie wollte Grafiken bauen, sich am Design versuchen, das Gestalterische mit dem Thema verbinden. Und sie wollte den Gegenpol zu ihrem privaten Umfeld, also dort, wo Börse kein Thema ist. Auf Instagram findet sie Leute, die sich für dieselben Themen rund um Aktien und Dividende begeistern. Menschen, mit denen sie diskutieren kann und deren Käufe und Strategien sie mitverfolgt. Manche stecken zusätzlich in Immobilien, manche fahren ganz andere Ansätze und genau dieser Blick über den Tellerrand wirkt auf sie motivierend.
Einen Account hebt sie besonders hervor, den Aktienentdecker. Dort geht es vor allem um kleinere Unternehmen, die selten im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen. Kürzlich hat Lisa dort selbst eine Aktie entdeckt und gekauft. Ein interessantes Beispiel dafür, wie Recherche heute oft funktioniert. Ein Hinweis aus der Community führt zu einer Idee, daraus wird eigene Recherche und schließlich entsteht eine Kaufentscheidung für das nächste Wertpapier.
Wie sieht Lisas Depot aus?
In Lisas Depot liegen Aktien, ETFs und Fonds. Aktuell zwischen 40 und 50 verschiedene Positionen. Eine feste Obergrenze hat Lisa dafür nicht. Sie orientiert sich eher daran, wie viele Werte sie noch sinnvoll verfolgen kann. Mehr als 90 bis 100 Positionen möchte sie jedoch nicht halten. Mit einem Augenzwinkern räumt sie ein, dass sie schon heute gelegentlich über eine Reduzierung nachdenkt. Gleichzeitig fällt es ihr schwer, sich von einzelnen Titeln zu trennen. Ständig entdeckt sie neue Unternehmen und Ideen, die sie interessant findet, sodass das Depot im Laufe der Zeit eher gewachsen als, wie eigentlich geplant, geschrumpft ist.
Eine ausgearbeitete Strategie hatte Lisa anfangs nicht. Sie kaufte, was ihr interessant erschien, vor allem einzelne Aktien. Mit der Zeit kamen ETFs und Fonds hinzu und daraus entwickelte sich nach und nach ein klassischer Buy-and-Hold-Ansatz.
Vor drei oder vier Jahren entdeckte sie für sich das Thema Dividenden. Sie sah bei anderen Anlegern, wie regelmäßig Ausschüttungen auf dem Konto eingingen und begann, sich intensiver damit zu beschäftigen. Seitdem investiert sie einen großen Teil über Sparpläne und setzt dabei vor allem auf amerikanische Unternehmen.
Besonders motivierend findet sie die regelmäßigen Dividendeneingänge. Je häufiger sie diese Zahlungen sieht, desto stärker wird für sie der Anreiz, weiter zu investieren und ihr Portfolio auszubauen.
Daneben gibt es bei Lisa auch die Bereitschaft, gelegentlich auf Sondersituationen zu setzen. Nach dem Dieselskandal stieg sie bei Volkswagen ein, als die Aktie stark unter Druck stand. Die Entscheidung zahlte sich irgendwann aus und sie konnte einen deutlichen Gewinn erzielen. Ähnlich verlief es bei RWE. Während politischer Diskussionen über mögliche staatliche Eingriffe kaufte sie die RWE-Aktie, die bis heute Teil ihres Depots ist.
Hinter beiden Investments stand derselbe Gedanke: Wenn die Stimmung besonders negativ ist und viele Anleger verkaufen, sucht Lisa nach Gelegenheiten für einen Einstieg. An der Börse wird dieser Ansatz oft als „Buy the Dip” bezeichnet. Solche Käufe können sich auszahlen, wenn sich die Lage später entspannt. Sie bergen jedoch auch Risiken, denn ein Kursrückgang allein macht eine Aktie noch nicht automatisch zu einer guten Investition.
Was hat es mit den selbst geschürften Bitcoins auf sich?
Diese Geschichte habe ich so bisher von keinem Interviewgast gehört. Vor rund zehn Jahren, etwa zu Beginn ihrer Ausbildung, hat Lisa selbst Bitcoins geschürft. Sie hat die digitale Währung also nicht gekauft, sondern mit ihrem eigenen Computer „erzeugt”. Damals beschäftigte sie sich intensiv mit Gaming und PC-Hardware und verfügte über eine leistungsstarke Grafikkarte, mit der das noch möglich war.
Tatsächlich war der Ablauf erstaunlich unspektakulär. Es gab Programme, die nach dem Start einfach im Hintergrund liefen. Auf dem Bildschirm erschienen gelegentliche Zahlen, Statusmeldungen oder Fortschrittsanzeigen. Wallet-Adresse eingeben, Programm starten und warten. In dieser Zeit bauten sich manche Nutzer sogar kleine Rechnerverbünde aus günstiger Hardware auf, weil sich das Mining im privaten Rahmen (zumindest teilweise) noch lohnen konnte.
Lisa kam auf diese Weise auf rund 1,2 Bitcoins. Damit beginnt der Teil der Geschichte, der heute fast unwirklich klingt. Das Mining endete, weil ihr damaliger Partner die steigende Stromrechnung kritisch sah. Zu dieser Zeit lag der Wert eines Bitcoins nur bei wenigen Cent. Aus heutiger Sicht wirkt die Entscheidung deshalb umso mehr wie eine verpasste Gelegenheit. Lisa sieht die Sache allerdings gelassen. Sie weist darauf hin, dass das Netzwerk mit der Zeit immer größer wurde und die Rechenleistung eines einzelnen Heim-PCs ohnehin bald nicht mehr ausgereicht hätte.
Trotzdem bleibt die Geschichte bemerkenswert. Lisa hatte die Bitcoins bereits in ihrer Wallet. Zu diesem Zeitpunkt ahnte kaum jemand, welche Entwicklung Bitcoin noch nehmen würde. Heute wirkt die Entscheidung, das Mining zu beenden, rückblickend wie eine dieser kleinen Weggabelungen, die erst Jahre später ihre Bedeutung zeigen.
Welche Werte interessieren sie gerade?
Über die Auswahl ihrer Aktien haben wir länger gesprochen. Was dabei auffällt, ist der pragmatische Ansatz. Lisa investiert bevorzugt in Unternehmen, die sie versteht oder aus ihrem Alltag kennt. Aus ihrem beruflichen Umfeld stammen beispielsweise Cisco, Nvidia, Microsoft, Apple, Intel und AMD.
Bei Cisco wird ihre Herangehensweise besonders greifbar. Die Produkte begegnen ihr im Arbeitsalltag. Sie arbeitet mit den Geräten, kennt ihre Funktionen und erlebt, wie sie eingesetzt werden. Diese praktische Erfahrung schafft Vertrauen und bildet oft den Ausgangspunkt für eine nähere Beschäftigung mit dem Unternehmen.
Darauf folgt der analytische Teil. Lisa prüft die Aktie zunächst mit einem Bewertungstool von TraderFox, das Unternehmen anhand eines Punktesystems einordnet. Anschließend schaut sie sich Kennzahlen und Unternehmensdaten auf Finanzportalen an und informiert sich über aktuelle Nachrichten. Erst danach trifft sie ihre Entscheidung. Persönliche Erfahrung liefert die Idee, Zahlen und Informationen dienen als Überprüfung.
Ein aktuelles Beispiel ist TUI. Während der Corona-Pandemie galt die Aktie in vielen Anlegerforen als problematischer Wert. Lisa sah darin eine Gelegenheit. Aus ihrer Sicht befindet sich das Unternehmen in einem Wandel und baut Bereiche aus, in denen eigene Hotels, Kreuzfahrtschiffe und Airlines eine größere Rolle spielen. Gleichzeitig verfolgt sie die fortschreitende Digitalisierung des Geschäfts.
Ob diese Entwicklung den erhofften Erfolg bringt, lässt sie offen. Sie beschreibt das Investment selbst als eine Wette auf die kommenden Jahre. Der Gedanke dahinter ist, dass sich die strategischen Veränderungen langfristig in den Geschäftszahlen widerspiegeln könnten.
Ein Bestattungsunternehmen im Depot
Den ungewöhnlichsten Wert hebe ich mir für den Schluss auf. Service Corporation International, das größte Bestattungsunternehmen in Texas. Lisa stolperte über Instagram darüber und war sofort angefixt, schon weil ihr gar nicht klar war, dass Bestattungsunternehmen überhaupt an der Börse notiert sind. Sie prüfte die Zahlen mit ihren üblichen Tools und die gefielen ihr. Den Gedanken dahinter erzählt sie ganz ruhig. Die Bevölkerung wächst, in absoluten Zahlen sterben damit auch mehr Menschen. In Großbritannien, erzählt sie, gibt es längst ähnliche Ketten, die ihre kleineren Konkurrenten aufkaufen.
Ethik, Broker und das wichtigste Learning
Grenzen zieht Lisa trotzdem. Eine Altria liegt zwar noch im Depot, ein Tabakwert, den sie sich aus Dividendengründen geholt hat und heute kritischer sieht. Ölkonzerne würde sie nicht mehr kaufen und eher bei grünen Alternativen schauen. Rüstung findet sie als Branche durchaus interessant, greift am Ende aber lieber zum grünen Wert, selbst wenn die Konkurrenz auf dem Papier ein paar Prozent besser aussieht. „Da würde, glaube ich, mein Gewissen dann eher sagen, kauf besser das grüne Ding.” Am Tag vor der Aufnahme kam passend dazu die Meldung, dass Shell seine Dividende massiv kürzt.
Ihr Depot liegt von Anfang an bei der Comdirect. Den Ausschlag gab, dass die Seite übersichtlich und selbsterklärend ist, von der Order bis zum Steuerfreibetrag. Vor etwa einer Woche hat sie sich zusätzlich ein Depot bei Trade Republic angelegt, der niedrigen Ordergebühren wegen, für kleinere und eher spekulative Positionen. Mein eigener Weg sah übrigens fast genauso aus, auch ich habe mit der Comdirect angefangen und ordere die günstigen Positionen heute bei Trade Republic. Die Eröffnung kostet bei beiden nichts.
Ihr wichtigstes Learning klingt unspektakulär und ist trotzdem das halbe Spiel. Vor einem Kauf richtig informieren. Lisa hat an sich selbst gemerkt, wie stark der Sog von außen wirkt, gerade bei Werten, die überall durch die Medien laufen. Bei Wirecard ist sie heilfroh, nicht eingestiegen zu sein, allein wegen der Nerven, die eine große Summe in einem so umstrittenen Wert kostet. Ihr Rat ist deshalb einfach. Nicht blind einer Empfehlung folgen, das Unternehmen und seine Zahlen wirklich verstehen und ruhig eine Nacht darüber schlafen, auch wenn einen das ein paar Euro Kursgewinn kosten kann.
Bücher, Vorbilder und ein Wunsch zum Schluss
Ein Buch zum Thema Aktien empfiehlt Lisa nicht. Sie lernt lieber über YouTube und schaut regelmäßig Markus Koch oder Tim Schäfer, die das Geschehen kompakt einordnen. „Rich Dad, Poor Dad” kennt sie als Dauerempfehlung, hat es aber nie gelesen und hält es für sich fast für zu spät, weil sie sich von Anfang an im Internet informiert hat. Falls du nach Lesestoff suchst, findest du meine eigenen Tipps in meiner Finanz-Bibliothek.
Zum Abschluss bleibt ein Wunsch. Das Investieren soll in Deutschland eine breitere Masse erreichen, gerade die jüngere Generation. An der Börse gehe es um den langen Atem und um Altersvorsorge, das schnelle Zocken steht für Lisa nicht im Vordergrund. Viel mehr Menschen sollten merken, dass ihr Geld nicht auf dem Sparbuch liegen bleiben muss. Für sie ist das fast eine kleine Mission.
Schau gern bei Lisa auf Instagram * und auf ihrem Blog * vorbei. Mehr Gespräche dieser Art findest du in den Investoren-Interviews.