Frugalismus und Minimalismus: Interview mit Valentina

Valentina kam vom Dauershoppen zum Frugalismus. Im Interview geht es um bewussten Konsum, mehrere Einkommensquellen, ETFs und finanzielle Freiheit.

Manche Folgen verschwinden und tauchen Jahre später wieder auf. Dieses Gespräch mit Valentina vom Kanal Minimal Frugal war so eine verlorene Folge, aufgenommen, verlegt, wiedergefunden. Inzwischen ist Valentina ein paar Jahre älter und mit dem Studium durch, doch was sie damals über Frugalismus, Konsum und finanzielle Freiheit erzählt hat, ist nicht ein bisschen abgelaufen. Im Gegenteil.

Sie kommt aus Österreich, war zum Zeitpunkt des Gesprächs 22 und studierte noch. Nebenbei beschäftigt sie sich mit Börse, Investieren, Minimalismus und der Idee, irgendwann arbeiten zu dürfen statt zu müssen. Genau diesen Unterschied wollte ich gleich am Anfang von ihr hören.

Was bedeutet Freiheit, wenn du sie dir nicht kaufen willst?

Wir steigen immer mit einer kleinen Übung ein. Ich werfe ein Wort in den Raum und mein Gegenüber hat sechzig Sekunden, um zu erklären, was dahintersteckt. Valentinas Wort war Freiheit und sie hat es geteilt, fast schon seziert.

Da ist zum einen die finanzielle Freiheit, das Naheliegende. Die eigene Zeit gestalten, die Dinge tun, die Freude machen, unabhängig davon, wie viel Geld dabei herauskommt. Das ist der Teil, den viele meinen, wenn sie das Wort benutzen.

Aber Valentina nannte noch etwas anderes, das ich vorher so nie gehört hatte: die mentale Freiheit. Dass einem die Meinung anderer egaler wird. Denn was bringt ein voller Kontostand, wenn du trotzdem das tust, was andere von dir erwarten oder dauernd das Gefühl hast, jemanden beeindrucken zu müssen? Das saß. Geld kann viel lösen, aber den inneren Druck, dazuzugehören, kauft es nicht weg.

Vom Dauershoppen zum bewussten Sparen, wie geht das?

Der spannendste Teil ihrer Geschichte ist der Bruch. Denn Valentina war keine, die schon immer gespart hat. Im Gegenteil. Früher war sie viel in Geschäften unterwegs, von morgens bis abends und hat ordentlich Geld ausgegeben. Sie hat zwar auf günstige Sachen geachtet, aber dann in Massen gekauft. Wer ihren YouTube-Kanal aus der Zeit kennt, findet dort noch Shoppingvideos. Ein Kontrast, der größer kaum sein könnte.

Dazwischen lagen ein paar Sparziele, die wieder verworfen wurden. Erst sollte es ein Auto sein, dann eine Eigentumswohnung. Beides hat sie irgendwann gestrichen, weil sie gemerkt hat, dass es gar nicht das war, was sie wirklich wollte. Geblieben ist aber die Lust am Sparen selbst, das Gefühl, etwas auf der Seite zu haben.

Der Funke kam dann eher zufällig. Über ein Interview stieß sie auf Oliver Nöting und hörte zum ersten Mal vom Frugalismus, von finanzieller Freiheit. Vorher hatte sie Geld immer mit materiellen Gütern verbunden, mit Dingen zum Kaufen. Die Idee, dass Geld selbst eine Form von Freiheit sein kann, war neu für sie. Und sie hat gezündet.

Was ich an dem Punkt mochte, war ihre Vorsicht. Sie hat den Sprung ins Investieren nicht aus Übermut gewagt. Anfangs hatte sie Respekt, fast Angst davor und überlegte, ob es nicht reicht, das Geld einfach aufs Sparbuch zu legen. Reicht es nicht, sagt sie heute, weil Inflation und Niedrigzins das Vermögen aufessen. Aber dieser kurze Moment des Zögerns macht sie glaubwürdig.

Wie reagiert das Umfeld, wenn du anders mit Geld umgehst?

Diese mentale Freiheit, von der sie gesprochen hatte, wird im Alltag konkret. Ich wollte wissen, wie ihr Umfeld auf den Lebensstil reagiert. Die Antwort war erfrischend unaufgeregt: Man merkt es kaum. Als Studentin fällt sie ohnehin nicht auf, niemand erwartet von ihr einen Luxuswagen.

Ihr Freund tickt beim Konsum anders als sie, gibt deutlich mehr aus. Bei den Hobbys treffen sie sich trotzdem, beide gehen gern wandern. Es muss also nicht jeder dasselbe Verhältnis zum Geld haben, damit es passt.

Den Drang, andere zu bekehren, hat sie abgelegt. Sie macht ihr Ding und das, was sie für richtig hält. Wenn jemand fragt, wie das eigentlich funktioniert, erklärt sie es gern. Aber sie hat gelernt, dass es wenig Sinn ergibt, Leuten etwas zu erzählen, für das sie gar nicht offen sind. Selbst wenn die eigenen Eltern nichts von Aktien halten, macht sie sich nichts daraus, das ist eine andere Generation mit anderen Informationen. Sich nichts einreden lassen, in beide Richtungen, das ist ihre Haltung.

Aus genau diesem Wunsch, sich auszutauschen, ist auch ihre Präsenz im Netz entstanden. In ihrem Umfeld interessierte sich niemand für die Themen, also suchte sie online nach Gleichgesinnten und landete auf Instagram. Viele ihrer Posts hat sie anfangs eigentlich für sich selbst gemacht, um Gelesenes zusammenzufassen oder zu verbildlichen. Dass daraus ein echter Austausch wurde, mit Tipps in beide Richtungen, war das, was ihr Spaß gemacht hat.

Frugalismus heißt nicht, jeden Cent dreimal umzudrehen

Weil das Wort schnell missverstanden wird, habe ich Valentina gebeten, es in eigenen Worten zu fassen. Ihre Definition ist angenehm bodenständig. Frugalismus bedeutet für sie, bewusst mit Geld umzugehen. Nicht jeden Cent zehnmal umdrehen, nicht ewig überlegen, bis du dir einmal im Jahr ein Restaurant erlaubst. Es geht ums Hinterfragen der eigenen Ausgaben und vor allem der eigenen Konsumeinstellung.

Dahinter steckt oft eine Erkenntnis. Ein großer Teil des Geldes ist für Dinge draufgegangen, die kaum mehr Lebensqualität gebracht haben. Genau das Geld, das übrig bleibt, wenn du diese Posten streichst, lässt sich investieren. Frugalismus und finanzielle Freiheit hängen für sie also direkt zusammen.

Wer das Gefühl hat, zu viel auszugeben, aber nicht weiß, wo anfangen, dem gibt sie einen handfesten Tipp. Schreib einen Monat lang alle Ausgaben auf, besser drei. Mit App, Excel oder Zettel, egal womit, Hauptsache lückenlos. Oft fühlt es sich an, als hätte die Geldbörse ein Loch und keiner weiß, wo das Geld geblieben ist. Das Mitschreiben schließt dieses Loch sichtbar.

Ein zweiter Trick von ihr gefällt mir besonders. Schreib neben jeden Kauf, was du dir dabei gedacht hast. Konsum aus Frust, aus Langeweile, um anderen zu gefallen oder als Belohnung nach einem harten Tag, all das wird auf einmal sichtbar. Das gibt mehr Aha-Momente als jede Spar-App. Und die Abos nicht vergessen. Ich habe selbst ein Magazin-Abo von 2012 erst 2018 gekündigt und die meisten Hefte nie gelesen. Solche Dauerläufer häufen sich an, ohne dass du sie noch auf dem Schirm hast.

Mehrere Einkommensquellen statt eines sicheren Jobs

Wo kommt das Geld eigentlich her, das sie investiert? Hier wird Valentina richtig konkret und das hat mir gefallen. Sie verkauft keinen großen Coup, eher viele kleine Bausteine.

Sie spendet Plasma, was in Österreich steuerfrei ist und sich gerade für Studenten flexibel machen lässt. Sie gibt Erste-Hilfe-Kurse, die samstags stattfinden und sich gut mit dem Studium vertragen. Sonntags macht sie Sitzwache in der Klinik, passt über zwölf Stunden auf Patienten auf und spart sich durch den langen Block die ständigen Arbeitswege. Dazu kommen YouTube und Instagram. Die Werbeeinnahmen auf YouTube deckten zum Zeitpunkt des Gesprächs bereits ihre variablen Kosten und das schon ab rund 3000 Abonnenten.

Was mir an ihrer Aufzählung gefällt, ist der Denkfehler, den sie überwunden hat. Früher hat sie Flyer verteilt, eine Stunde Arbeit, einmal Geld. Heute setzt sie auf Dinge, die langfristig tragen. Ein Video oder ein Account arbeitet weiter, auch wenn sie gerade nichts tut. Dieser Unterschied zwischen einmaligem und wiederkehrendem Verdienst ist im Kern dasselbe Prinzip wie beim Investieren, nur auf die eigene Arbeit übertragen.

Wohin geht das Geld, ETFs, P2P und ein bisschen Krypto?

Bei der Geldanlage ist Valentinas Aufteilung erstaunlich klar strukturiert für jemanden, der erst seit Kurzem dabei ist. Den Kern bilden ETFs und sie nennt auch warum. Mit einem Schlag viele Unternehmen im Depot, breite Streuung, wenig Zeitaufwand. Sie würde es wohl mit dem Bild beschreiben, dass eine einzelne Aktie eine Blume ist und ein ETF der ganze Strauß. Trotzdem betont sie, dass ein bisschen Grundwissen dazugehört, du solltest schon verstehen, was im Korb steckt.

Daneben hat sie einen kleinen Anteil in P2P-Krediten bei Mintos und Bondora, also Privatkredite, bei denen du fremden Leuten Geld leihst und dafür Zinsen bekommst. Sie spricht das Risiko offen an. Oft sind es Kreditnehmer, die bei einer Bank wegen schlechter Bonität nichts mehr bekämen und gerade in einer Krise können sie ihren Job verlieren und nicht zurückzahlen. Bei ihr macht das nur einen einstelligen Prozentsatz aus und das soll auch so bleiben. Reine Diversifikation, mit Bewusstsein fürs Risiko.

Dazu kommt ein kleiner Posten Bitcoin, ebenfalls nur ein geringer Anteil am Nettovermögen. Sie weiß, dass viele kritisch sind, glaubt aber an Potenzial in der Zukunft. Gold und einzelne nachhaltige Aktien stehen auf ihrer Liste für später, eher als Ergänzung denn als Fundament. Immobilien könnte sie sich irgendwann über REIT-ETFs vorstellen, weil echte REITs in Österreich steuerlich umständlich sind. Ihre Aufteilung ist ihre, deine darf ganz anders aussehen.

Thesaurieren oder ausschütten und was hat das mit Dinosauriern zu tun?

Valentinas Strategie ist Buy and Hold mit langem Atem. Angefangen hat sie mit ausschüttenden und thesaurierenden ETFs nebeneinander, weil sie sich nicht entscheiden konnte. Inzwischen bespart sie nur noch thesaurierende. Dieses Reinvestieren der Gewinne nennt sich thesaurieren. Das Geld landet nicht auf dem Verrechnungskonto, es wandert direkt zurück ins Depot und kauft neue Anteile.

Sie gibt zu, dass sie beim Wort anfangs an Tyrannosaurus Rex denken musste und ich finde, das darf sie ruhig zugeben, weil genau solche Momente Einsteigern Mut machen. In Österreich gibt es zudem keinen steuerfreien Betrag wie in Deutschland, was ausschüttende ETFs für sie weniger attraktiv macht.

Spannend ist ihr Verhältnis zur Entnahmephase. Viele Frugalisten wollen ihr Depot später entsparen, jedes Jahr drei oder vier Prozent herausnehmen. Valentina rechnet sich diese Summe zwar monatlich aus, einfach um zu sehen, wie viel sie theoretisch zur Verfügung hätte. Aber sie hat gar nicht vor, irgendwann nichts mehr zu tun. Freiheit ist für sie kein Schalter, der ab einem bestimmten Depotwert umgelegt wird. Sie ist ein Prozess, der kontinuierlich läuft.

Was hat die Corona-Krise gelehrt?

Ein erster Crash gleich am Anfang der eigenen Anlegerlaufbahn klingt unangenehm, doch Valentina sieht ihn als Glücksfall. Wer noch nie einen Crash erlebt hat, weiß nicht, wie er reagiert. Man kann sich vornehmen, gelassen zu bleiben, aber die Realität ist dann oft eine andere. Sie hat es ruhig hingenommen, auch weil ihr Depot noch klein war und genau daraus eine Lektion gezogen.

Die erste betrifft den Notgroschen. Ein hoher Puffer gibt Sicherheit, mindestens ein halbes Jahr, lieber ein ganzes, von dem du leben könntest. Erst danach hat Investieren überhaupt Sinn und nur mit Geld, von dem du dich emotional trennen kannst.

Die zweite Lektion betrifft ihre vielen Standbeine. In der Krise pausierten Sitzwache und Erste-Hilfe-Kurse, also fielen Einnahmen weg. Kein Job ist so sicher, wie er scheint. Und hier zeigt der Frugalismus seine stille Stärke. Wer normalerweise nur die Hälfte seines Einkommens ausgibt und plötzlich dreißig Prozent weniger verdient, kann am Monatsende immer noch etwas zur Seite legen. Wer hundert Prozent ausgibt, steckt sofort in der Klemme. Niedrige Fixkosten sind in solchen Momenten kein Verzicht. Sie sind ein Puffer.

Welche Bücher haben sie geprägt?

Zum Schluss noch ein Blick ins Bücherregal, beziehungsweise auf Spotify, denn vieles davon lässt sich als Hörbuch kostenlos hören. Den größten Anstoß gab ihr Rich Dad Poor Dad von Kiyosaki, der Klassiker, der die übliche Denkweise vom sicheren Job und der lebenslangen Anstellung infrage stellt. Auch der Nachfolger Cashflow Quadrant hat sie weitergebracht.

Dazu kommen Bodo Schäfers Der Weg zur finanziellen Freiheit und Die Gesetze der Gewinner, der Klassiker Denke nach und werde reich, sowie Rente mit 40 von Florian Wagner alias Geldschnurrbart, das die Welt der Frugalisten greifbar macht. Für ETFs nennt sie Souverän investieren von Gerd Kommer. Viel Wissen für wenig Geld, das ist genau ihr Stil.

Ihr Schlusswort fasst die ganze Folge zusammen, ohne dass sie es darauf angelegt hätte. Stell dir die Frage, ob du mit deinem Leben und deinem Job glücklich bist. Schau dir dein Konsumverhalten an, frag dich, ob du aus Langeweile kaufst oder um jemanden zu beeindrucken. Mit den Finanzen solltest du dich ohnehin beschäftigen, weil von der gesetzlichen Rente wohl nicht viel übrig bleibt. Das eigentlich Motivierende sei aber die Einsicht, dass Geld Freiheit sein kann, dass du Geld gegen Zeit tauschen kannst und nicht andersherum. Setz dir große Ziele, bleib dran und gib dir ein, zwei Wochen, in denen du dich täglich mit dem Thema beschäftigst. Danach weißt du schon mehr als der Durchschnitt.

Dieses Gespräch hat mir damals viel Spaß gemacht und beim Wiederhören hat sich daran nichts geändert. Eine junge Frau, die vom Dauershoppen zum bewussten Umgang mit Geld gefunden hat, ohne dabei verbissen zu werden. Vielleicht ist das die schönste Form von Freiheit, die in diesem Interview vorkommt.

Mehr Gespräche dieser Art findest du in den Investoren-Interviews.

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