Karriere, Börse und Finanzen für Frauen - Interview
Inga ist 29, lebt in Hamburg und arbeitet in der Modebranche, nicht in der Finanzwelt. Trotzdem hat sie Casherella gegründet, eine Plattform, die Frauen Mut…
Inhaltsverzeichnis7 Kapitel

Inga ist 29, lebt in Hamburg und arbeitet in der Modebranche, nicht in der Finanzwelt. Trotzdem hat sie Casherella * gegründet, eine Plattform, die Frauen Mut machen soll, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Im Interview erzählt sie, wie eine herablassende Bankberatung den Anstoß gab, warum so viele Frauen beim Thema Geld zögern und wie ihr eigenes Depot heute aussieht.
Gleich zu Beginn gebe ich meinen Gästen ein Wort und sie haben sechzig Sekunden, um zu erklären, was dahintersteckt. Ingas Wort war Karriere. Für sie ist das gerade bei Frauen ein wunder Punkt. Viele starten stark, im Studium, im ersten Job und treten dann zurück, sobald das Familienleben dazwischenkommt. Genau das findet sie schade. Ihr geht es darum, dass Frauen die eigene Karriere nicht stillschweigend hinten anstellen, eigenes Geld verdienen und unabhängig bleiben.
Wie eine herablassende Bankberatung sie zur Börse brachte
Der eigentliche Auslöser kam vor rund zwei Jahren und er klingt erst einmal unspektakulär. Inga setzte sich mit ihrer Mutter hin, um einmal Ordnung in ihre Versicherungen und Verträge zu bringen. Was sie bekam, war ein dicker Stapel Ordner, in dem sie kaum ein Wort verstand. Bausparvertrag, Lebensversicherung, lauter Dinge, die irgendwann bei der Sparkasse abgeschlossen worden waren, ohne dass ihr je jemand erklärt hätte, was sie da eigentlich hat.
Also rief sie ihren damaligen Bankberater an und bat um eine Finanzberatung. Seine Reaktion war abwiegelnd, so, als sei das nichts, womit sie sich groß beschäftigen müsse. Bei vielen wäre an dieser Stelle Schluss gewesen. Bei Inga kippte genau da etwas. Jetzt erst recht, dachte sie sich und fing an, die Sache selbst anzupacken.
Den ersten Bausparvertrag löste sie auf, das Konto mit den Kontoführungsgebühren kündigte sie und wechselte zu einer Direktbank. Sie räumte auf, Vertrag für Vertrag. Das hat länger gedauert, als sie dachte, denn man stellt sich so etwas immer von heute auf morgen vor. Wichtiger als das Tempo war ihr die Erkenntnis dahinter. Wenn der Berater an ihr mitverdient, lohnt es sich, die Dinge selbst zu verstehen, weil das am Ende günstiger ist und sie es in der eigenen Hand hat.
Warum so viele Frauen beim Geld zögern
Im Umfeld reagieren die Leute sehr unterschiedlich. Ihr Freund ist selbst tief im Thema, die beiden diskutieren, welche Aktien und welche ETFs sie besparen und tragen Informationen zusammen. Bei den Freundinnen sieht es anders aus. Das Interesse ist groß, viele fragen nach, weil sie merken, dass Inga sich auskennt. Nur folgt auf das Interesse selten die Tat. Genau diese Lücke zwischen Neugier und Handeln beschäftigt sie.
Woran das liegt, hat sie sich oft überlegt. Das Thema wirke sperrig und weit weg, fast ein bisschen unsexy. Die Materialien, die sie damals selbst fand, waren männerlastig, das eine Magazin mit den nüchternen Zahlen, das nächste mit den ernsten Herren auf dem Titel. Die Hemmschwelle ist hoch und oft fällt der Satz, das mache schon der Freund oder der Vater, der habe das im Griff. Inga hält das für gefährlich, gerade für Frauen.
Denn die Zahlen sprechen eine eigene Sprache. Frauen verdienen im Schnitt deutlich weniger für die gleiche Position und bei der Rente klafft eine noch größere Lücke. Eine Statistik ist ihr im Kopf geblieben, nach der Frauen 2018 im Schnitt nur gut 700 Euro Rente bekamen. Aus ihrer eigenen Zeit in Bewerbungsgesprächen, auf der Arbeitgeberseite, kennt sie ein Muster: Frauen fordern tendenziell weniger als Männer, trauen sich seltener, eine Gehaltserhöhung anzusprechen und behandeln das Gehalt als Tabu. Ihr Rat dagegen ist konkret. Redet über Geld, mit Freundinnen, mit Kolleginnen, damit ihr überhaupt wisst, was in eurer Branche üblich ist und was ihr verlangen könnt.
Was Casherella sein soll
Aus diesem Antrieb ist Casherella entstanden. Inga schreibt Blogbeiträge, baut ihr eigenes Einmaleins für die Börse auf und ist viel auf Instagram unterwegs, weil ihr eine Sache am Herzen liegt: Frauen zu ermutigen, sich selbst um ihre Finanzen zu kümmern. Sie will zeigen, dass das Thema Spaß machen kann, dass es ein gutes Gefühl ist, ein eigenes Depot zu haben, eigene Aktien zu kaufen oder einen Sparplan zu besparen. Unabhängig zu sein, statt den Partner als Altersvorsorge zu betrachten.
Sie sagt selbst, dass es wenig weiblichen, einfach erklärten Content zu dem Thema gibt. Genau diese Lücke will sie füllen. Wer mit einem Begriff nichts anfangen kann, soll ihn bei ihr in Ruhe nachlesen können, ohne sich vorher durch zehn Fachartikel zu quälen.
Wie Ingas Depot aussieht
Beim Blick ins Depot bleibt Inga angenehm ehrlich über ihren eigenen Stand. Sie hat zwei Depots. Beim ersten, bei der DKB, laufen mehrere Sparpläne. Einzelaktien hat sie dort noch nicht, das gibt sie offen zu. Stattdessen beobachtet sie ein paar Musterdepots, um ein Gefühl zu bekommen, bevor sie echtes Geld in einzelne Werte steckt. Erst will sie etwas ansparen und den Mut finden, tatsächlich anzufangen.
Das zweite Depot steckt in einem nachhaltigen Robo-Advisor. Weil dieser Begriff vielen nichts sagt, hat sie ihn erklärt. Ein Robo-Advisor ist ein Anbieter, der dein Geld nach deinem Risikoprofil in ETFs anlegt und das Portfolio automatisch umschichtet, wenn sich die Gewichtung verschiebt. Dafür zahlst du eine prozentuale Gebühr, weil dir die Arbeit abgenommen wird. Im Prinzip könntest du dieselben ETF-Anteile auch selbst kaufen, nur die Umschichtung müsstest du dann allein im Blick behalten.
Bemerkenswert finde ich, wie gründlich sie da herangegangen ist. Nach der Erfahrung mit dem Bankberater war sie skeptisch und hat sich den Anbieter in Hamburg sogar vor Ort angeschaut. Sie hörte sich die Präsentation an, las vorher den Prospekt und löcherte die Leute in der Fragerunde, bis sie ein gutes Gefühl hatte. Sie nutzt den Robo bewusst als zweite Quelle neben den eigenen Sparplänen, vor allem mit Blick auf die spätere Rente.
Wie sie ihren ersten ETF ausgewählt hat
Die ETF-Auswahl war für sie das eigentlich Schwierige und das kennen viele. Sie hat vorher viel gelesen, unter anderem das Buch von Natascha Wegelin, besser bekannt als Madame Moneypenny, das gerade Frauen Schritt für Schritt durch die Auswahl führt. Weitere Lesetipps sammle ich in meiner Finanz-Bibliothek.
Mit ein paar festen Kriterien im Kopf, etwa ausschüttend oder thesaurierend, ließ sich die endlose Liste eindampfen. Am Ende landete sie bei einem MSCI World ETF, schaute auf die laufenden Kosten und entschied sich für einen Sparplan. Dass ihr erster Sparplan später eingestellt wurde und sie sich neu entscheiden musste, gehört für sie einfach dazu. Beim zweiten Anlauf nahm sie den neuen Sparplan gleich mit, damit überhaupt etwas weiterläuft.
Ein kurzer Begriff dazu, weil er oft für Verwirrung sorgt. Ein ausschüttender ETF zahlt dir die Erträge aufs Konto, ein thesaurierender legt sie automatisch wieder an. Wer ausschüttende Anteile mag, die Erträge aber trotzdem sofort reinvestieren will, findet bei manchen Brokern eine automatische Wiederanlage. Inga ist das selbst nur zufällig aufgefallen, als ihre Ausschüttung wie von allein wieder im Depot landete.
Ethik, Corona-Crash und das wichtigste Learning
Beim Thema Ethik wird sie nachdenklich. Aus der Modebranche ist ihr Nachhaltigkeit nah, beim Investieren findet sie es aber schwieriger umzusetzen. Der Kapitalmarkt drehe sich nun einmal ums Geld und in einem breiten ETF stecken zwangsläufig Unternehmen, hinter denen man nicht zu hundert Prozent steht. Sie wünscht sich, dass nachhaltige Angebote mehr werden, sieht den Markt aber noch am Anfang. Als Beispiel für strenge Maßstäbe nennt sie den norwegischen Staatsfonds, der bestimmte Branchen konsequent ausschließt.
Der Corona-Crash war ihr erster und das Learning daraus klingt simpel, ist aber das halbe Spiel: aushalten. Solange du nicht verkaufst, hast du nichts realisiert und genau diesen Satz hat sie sich nach dem ersten Schreck immer wieder vorgesagt. Sie hat die Tiefe sogar genutzt und in dieser Phase in den Robo-Advisor investiert, weil sie für ihr Geld mehr Anteile bekam. Mitgenommen hat sie außerdem, wie wichtig ein Notgroschen ist, auf den man im Ernstfall zurückgreifen kann.
Broker und ihr Rat zum Schluss
Bei den Brokern folgt Inga einer klaren Logik. Für die DKB hat sie sich entschieden, weil sie ihr Konto ohnehin von der Sparkasse weggeholt hat, kostenlos und ohne Filiale. Sie ist online-affin, will eine App und keinen Termin in der Bank. Den zweiten Anbieter, die ING, hat sie über den Robo-Advisor dazugenommen. Mit beiden ist sie zufrieden, gerade weil der Kontakt auch ohne Filiale schnell läuft, eine Antwort kommt nach ihrer Erfahrung zügig.
Ihr Rat zum Schluss passt zu allem davor. Einfach anfangen. Man denkt immer, man müsse erst tausend Dinge wissen, dabei lernt man das meiste unterwegs. Sie hat selbst Fehler gemacht und daraus gelernt, wie sie es beim nächsten Mal besser angeht. Kurz informieren, Depot eröffnen, den ersten ETF besparen und dann Schritt für Schritt weiterlernen.
Inga findest du auf Instagram * und auf ihrer Website *. Mehr Gespräche dieser Art findest du in den Investoren-Interviews.