60.000€ Netto Dividende? Investieren in der Corona Krise mit Simon

Lieber Leser, im heutigen Podcast Interview ist Simon zu Gast. Wir sprechen über seinen Weg an der Börse sowie über seine weiteren Pläne.

Simon Dividendeneule - Investieren während der Corona Krise

Über sein Instagram-Profil schreibt Simon ein Ziel, das gut zum ersten Interview im Finanz-Illuminati-Podcast passt: 60.000 Euro Nettodividende pro Jahr. Aufgenommen haben wir das Gespräch am 22. März 2020, mitten im Corona-Crash, als die Kurse innerhalb weniger Wochen um ein Drittel eingebrochen waren. Simon ist 21, kommt aus Hannover und postet seit September 2019 unter dem Namen Dividenden-Eule. Kennengelernt haben wir uns auf einer Börsenveranstaltung in Hannover. Alles, was er hier sagt, ist seine private Sicht.

Vom Sparkassenberater zum Einzelaktien-Investor

An die Börse kam Simon über einen traurigen Anlass. Seine Mutter starb im Dezember 2017, danach standen Betriebsrenten und die Frage im Raum, was er mit dem Geld anfangen sollte. Erst wollte er zum Sparkassenberater. Stattdessen schlug ihm YouTube ein Erklärvideo zum magischen Dreieck aus Rendite, Risiko und Verfügbarkeit vor: wenig Risiko bringt wenig Rendite. Wer sein Geld länger bindet, bekommt für die gleiche Sicherheit etwas mehr heraus. Wirtschaft hatte ihn schon in der Schule interessiert, deshalb fiel ihm der Einstieg leicht.

Danach kam ein Buch nach dem anderen, zuerst „Investment Punk” von Gerald Hörhan, dazu immer mehr Videos. Über verschiedene YouTube-Kanäle beschäftigte er sich erst mit ETFs. Starten wollte er auch damit. Weil die Depoteröffnung aber ewig dauerte, warf er den Plan wieder über Bord und wandte sich den Einzelaktien zu.

Anfangs hielt er nichts von Dividenden. „Da war ich so typisch Antidividende”, sagt er über sich selbst, nur Wachstumswerte hätten für ihn Sinn ergeben, alles andere koste ja Steuern. „Cool bleiben und Dividenden kassieren” von Christian Röhl überzeugte ihn zunächst überhaupt nicht.

Warum aus Wachstum Dividenden wurden

Parallel zu den Finanzbüchern las Simon klassische Persönlichkeitsbücher wie „Die Gesetze der Gewinner” von Bodo Schäfer. Daraus entstand der Wunsch nach einer Art finanzieller Unabhängigkeit, also nach einem Einkommen, das jedes Jahr von allein kommt und ihm den Rücken für eigene Projekte freihält.

Den Ausschlag gab der Mini-Crash im Dezember 2018. Damals merkte er, dass er zu Aktien, die ihm Geld auszahlen, eine deutlich bessere Bindung aufbaut. „Dass ich wirklich keine Aktien halte, sondern Unternehmensanteile”, beschreibt er das Gefühl. Daraufhin drehte er die Logik um: nicht ein möglichst großes Depot, sondern ein festes Dividendeneinkommen pro Jahr als Ziel, auf das er die Positionen Stück für Stück hin aufbaut.

Einen festen Zeitplan hat er nicht, dafür ist bei einem 21-Jährigen zu vieles in Bewegung. Sein Gehalt sei noch nicht stabil, er arbeite in einem dynamisch wachsenden Unternehmen und starte nebenbei eigene Projekte. In zwanzig Jahren hält er das Ziel trotzdem für realistisch, weil er dafür je nach Rendite grob ein bis zwei Millionen Euro investieren müsse. Ob diese Rechnung aufgeht, weiß heute niemand. Die Nebenprojekte liegen nah an seinem Job: Mit zwei Partnern verkauft er Produkte unter verschiedenen Marken auf Amazon. Firmenintern hat er zudem einen Beratungsbereich mit aufgebaut.

Ein Depot zu 99 Prozent in Aktien

Sein Depot besteht zu rund 99 Prozent aus Aktien. Kein Gold, keine Immobilien, keine Kryptowährungen. P2P-Kredite über Go and Grow von Bondora hatte er stärker gewichtet, dieses Geld aber in den beiden Wochen vor dem Gespräch komplett abgezogen und in Aktien umgeschichtet.

Der Grund dafür liegt in einer Lehre aus 2018. Simon hielt die P2P-Anlage bewusst als Rücklage, um nicht alles investiert zu haben und wie Warren Buffett warten zu können, bis die Kurse zu seinen Wunschkursen zurückkommen. Genau dieser Fall trat im März 2020 ein. Bei einigen Aktien stand der Kurs dort, wo er eine erste Position eröffnen wollte. „Für die 6,75 Prozent habe ich halt jetzt anderswo viel bessere Renditen bekommen”, begründet er den Abzug. Die Opportunitätskosten waren ihm zu hoch.

Dass er solche Vergleiche überhaupt anstellen kann, liegt an seinem Werkzeug. Simon arbeitet mit der Software Portfolio Performance. Vor einer früheren Umschichtung baute er sein altes Depot in einer zweiten Datei nach und ließ beide Varianten nebeneinander laufen. So sah er später schwarz auf weiß, welche Entscheidung die bessere war. Wer das selbst mitführen will, braucht zuerst ein Depot. Bei der [comdirect]* lassen sich Sparpläne und Einzelkäufe sauber abbilden. Die Eröffnung kostet nichts.

Minus 24 Prozent im Corona-Crash

Den Crash bekam Simon deutlich zu spüren. Sein Depot fiel vom Hoch im Februar bis zum Tief am Donnerstag um maximal 34 Prozent, insgesamt stand er beim Gespräch rund 24 Prozent im Minus.

Das Minus selbst lässt ihn kalt. „Das tangiert mich überhaupt nicht. Es hat mich genauso wenig tangiert, wie dass ich 15 Prozent im Plus bin”, sagt er. Was ihn stärker umtreibt, ist die Angst, etwas zu verpassen, das Fear of missing out. Auf seiner Watchlist stehen viele günstig gewordene Aktien, frei verfügbares Kapital hat er aber kaum noch. Seine eigentliche Arbeit mit sich selbst besteht darin, nicht andauernd umzuschichten und Geld zu bewegen, das er gar nicht bewegen wollte.

Den Drang bremst er mit der Erfahrung aus 2018. Das Umschichten kostete ihn damals viel Rendite, weil das alte Portfolio im Vergleich besser lief als das neue. Daraus folgt eine simple Regel: nicht die Werte verkaufen, die noch gut laufen, um in andere umzuschichten. Trennen kann er sich am ehesten von echten Verlustbringern, aber auch da differenziert er. „Nur wenn eine Aktie jetzt im Minus ist, ist es ja kein Grund, die Aktie zu verkaufen.”

Ins fallende Messer greifen oder nicht

Zum alten Spruch, man solle nicht ins fallende Messer greifen, also nicht in einen abstürzenden Kurs hineinkaufen, hatte Rainer Zitelmann tags zuvor in einem Interview gesagt, das sei einer der dümmsten Sprüche überhaupt. Simon sieht es differenzierter: teils, teils.

Manchmal sollte er tatsächlich nicht sofort in die Abwärtsbewegung greifen. Sein größter Fehler war die Bayer-Aktie, die er für rund 80 Euro kaufte, nachdem sie wegen der Glyphosat-Klagen von 100 abgestürzt war. Sie war nicht billig geworden, vielmehr war ein neues Risiko aufgetaucht, das vorher nicht da war. Den gleichen Fall sieht er bei den Airlines und bei Boeing.

Anders liegt es bei Unternehmen, die nur ein paar Quartale betroffen sind oder gar nicht. Dann schaut Simon, ab welchem Wert die Firma für ihn fair bewertet ist. Als Dividendenjäger zieht er die historische Dividendenrendite heran: Gab es eine bestimmte Rendite über zehn Jahre und gibt es sie jetzt wieder, ist das ein Anhaltspunkt. Bei zyklischen Geschäftsmodellen zieht er noch einen Sicherheitsabschlag von etwa 30 Prozent ab. Steht der Kurs dann immer noch günstig, kauft er die erste Tranche, auch wenn es weiter fällt, denn wann der Boden erreicht ist, weiß niemand. Eine Unilever erwischte er so für 39 Euro, inzwischen steht sie wieder bei 45. Ob sie noch einmal auf 39 fällt, kann er nicht sagen. Lieber in Tranchen kaufen und die Position Stück für Stück aufbauen.

Auf der anderen Seite stehen die Werte, von denen er die Finger lässt. Seine Boeing-Aktien verkaufte er noch bei 320 Euro, nachdem er sich dazu eine Börsensendung angeschaut hatte. Bei diesem Preis war ihm das Risiko den Einsatz nicht wert, also nahm er den Gewinn mit. Später kaufte er bei 114 anderthalb Aktien nach, inzwischen stehen sie bei 90. Nachkaufen würde er nicht mehr. Damals war noch nicht klar, ob Boeing Zahlungsschwierigkeiten bekommt, jetzt sei das eindeutig. Wer jetzt einsteige, spekuliere nur noch darauf, dass die Sache irgendwie herumgerissen wird.

Was auf Simons Watchlist steht

Die folgenden Werte sind Simons persönliche Einschätzung, keine Kaufaufforderung. Seine Watchlist wachse von Tag zu Tag. Seit dem Freitag gebe es Coca-Cola und Pepsi mal wieder zu einem fairen Wert, bei Coca-Cola rund vier Prozent Dividendenrendite, gemessen an der historischen Rendite endlich wieder interessant für eine erste Tranche. Den Vermieter Realty Income hält er für kaum betroffen, der werde seinen Mietern vielleicht ein, zwei Monate stunden, die Mieten müssten aber weiter fließen. Bei Fresenius mit nur noch rund 28 Euro fragt er, warum ein Medizinkonzern in einer Gesundheitskrise leiden sollte. Die Chiphersteller Broadcom, Intel und Qualcomm könnten sogar profitieren, weil es langfristig mehr Server und mehr Hardware brauche, auch wenn es kurzfristig Einbußen gebe.

Microsoft sieht er als Dividendeninvestor zurückhaltend, denn die Dividende gab es historisch schon mal höher. Eine große Position hält er ohnehin. Als Wachstumsinvestor findet er die Bewertung dagegen interessant. Sein Schwerpunkt liegt klar bei den Dividendenaristokraten, also bei Firmen mit jahrzehntelang steigenden Ausschüttungen. 3M nennt er mit fast 62 Jahren Dividendensteigerung, für 115 Euro zu haben, mit einer historisch sehr hohen Rendite, die es zuletzt nur in der Finanzkrise gab. Die Ausschüttungsquote liegt bei 62 Prozent. Auch Stanley Black & Decker führt er an, im Bereich Werkzeuge etabliert, über 53 Jahre steigende Dividende, niedrig verschuldet, Ausschüttungsquote 40 Prozent und gerade wieder 3,5 Prozent Rendite.

Vorsichtiger wird er bei Royal Dutch Shell, weil parallel zu Corona ein Ölkrieg lief und die Dividendenrendite entsprechend hoch stand. Shell sei solide aufgestellt. Wenn schon Öl, dann die Großen. Wichtig sei aber zu wissen, dass ein lange niedriger Ölpreis zu Dividendenkürzungen führen kann, weil sich die Ausschüttung sonst wirtschaftlich nicht trägt, auch wenn Shell die Dividende seit Jahrzehnten nicht gekürzt hat. Selbst bei einer Kürzung müsse das kein schlechtes Investment sein, falls der Ölpreis in fünf oder zehn Jahren höher steht. Für Simon bleibt Shell ein deutlich heißeres Eisen als die übrigen Werte.

Bücher und Werkzeuge gegen die Panik

Gegen fallende Kurse helfen ihm weniger Kennzahlen als ein paar Bilder, die er sich täglich vor Augen führt. Wer eine Immobilie besitzt, deren Dach intakt ist, verkauft sie nicht an den Nächstbesten, nur weil der 30 Prozent weniger bietet. Genauso wenig verkauft Simon eine ganze 3M, weil sie 20 Prozent im Minus steht. An seinen eigenen Firmenbeteiligungen hält er ebenso fest, ein schwacher Monat senkt nicht den inneren Wert des Geschäfts.

Aus seinem Werkzeugkasten nennt er drei Quellen. „Die Kunst über Geld nachzudenken” von André Kostolany liest er regelmäßig, weil es ein Gefühl dafür vermittelt, wie die Dinge an der Börse laufen. „Cool bleiben und Dividenden kassieren” von Christian Röhl half ihm, die Dividendenstrategie zu verstehen und durchzuziehen. Am meisten gebracht hat ihm Nils Gajowiy mit der Zahltagstrategie, bei der es darum geht, möglichst viele Dividendenzahltage im Jahr zu sammeln und so einen weitgehend passiven Einkommensstrom aufzubauen, nüchtern erklärt und ohne Show.

Für die Aktiensuche arbeitet er mit dem Aktienfinder, wo auch meine eigenen Aktienanalysen gelistet sind. Dazu kommt die David-Fish-Liste. Diese wird am Monatsende aktualisiert und führt auf, welche Aktien schon lange Dividende zahlen und welche gerade auf dem Weg zum Aristokraten sind. Findet er dort einen interessanten Wert, schaut er ihn sich genauer an.

Sein Schlusswort fasst die ganze Linie zusammen: „Denkt immer daran, dass ihr euch an Unternehmen beteiligt und keine steigenden Kurse kauft.” Sonst sei es schwer, das Ganze durchzuhalten. Nach schlechten Zeiten kämen an der Börse wieder bessere. Cool bleiben und Dividenden kassieren.

Mehr Gespräche dieser Art findest du in den Investoren-Interviews.

Wie hilfreich war dieser Artikel?

Deine Meinung hilft mir, bessere Inhalte zu schreiben.

Wähle eine Bewertung aus, um Feedback zu hinterlassen.

Noch mehr lesen

Bei jedem Besuch eine andere Auswahl aus dem Bestand.

Alle Artikel ansehen →

Mit Herzblut recherchiert, für deine finanzielle Freiheit.